Hier finden Sie Nachgedanken, Lesefrüchte, Hinweise, Begebenheiten etc. aus dem nahen und weiten Umfeld der Feldenkrais-Methode.

 

 

 

 

01. Juni 2013

 

Was heißt: Spontanes Handeln? Und was heißt: Zwanghaftes Handeln?

 

Moshé Feldenkais in seinem Buch Das Starke Selbst, Frankfurt 1989, S. 207

 

"Spontaneität bedeutet nicht, daß jeder Drang und Trieb ausgeführt werde, nur weil es ihn gibt und er sich meldet, sondern daß alles Handeln spontan ist, wenn es nicht zwanghaft ist. Das klingt vage und ausweichend, aber nur auf den ersten Blick; denn Zwang ist ein positiver parasitärer Zusatz. Wenn man über den ganzen Umfang seiner Stimme voll verfügt, gebraucht man die Tonhöhe, bzw. den Tonfall und die Lautstärke, die gerade angemessen und zweckmäßig sind, und empfindet dabei keinerlei Zwang. Kann man aber nur einen bestimmten Ton erzeugen oder nur bei einer bestimmten Lautstärke intonieren, so mag dies zwar meistens genügen, aber es wird immer Situationen geben, in denen die gewohnte Art und Weise unzulänglich oder fehl am Platze sind. Sind keine anderen Mittel verfügbar, so wird, in Ermangelung einer Alternative, die gewohnte Art zwanghaft. An sich ist zwanghafte haltung nicht falsch; zwanghaft und falsch wird sie nur, weil sie angewendet wird, wo sie nicht hingehört..."

 

 

 

 

 

 

03. Juni 2013

 

Felix Breuer veröffentlichte im Journal of Daoist Studies Volume 5/ 2012 eine lesenswerte Studie: Feldenkrais´s Spontaneous Action and Laozi´s Wuwei (http://www.felixbreuer.net/feldenkrais.pdf )

 

Breuer macht sich für die These stark, dass Feldenkrais in seinem Buch „Das starke Selbst“ Anleitung zur Spontaneität Frankfurt 1989 einen einzigartigen westlichen Ansatz zur Verwandlung von Körper und Person präsentiere, dessen Kernbegriff „Spontane Handlung“ sei. Dieser Ansatz könne verglichen werden mit dem Konzept des „Nicht-Handelns“ (Wuwei) von Lao Zi (Laotse). Gemeinsam interpretiert könnten „Das starke Selbst“ und das „Daodejing“ eine einheitliche Handlungstheorie ergeben.

 

Im ersten Teil beschreibt er die Feldenkrais-Methode:

 

Obwohl es sich vordergründig bei der Feldenkrais-Methode nur um eine Serie von gymnastischen Übungen handle, sei sie doch in Wirklichkeit eine subtile Methode der persönlichen Entwicklung mit einem philosophischen Hintergrund, welche Körperbewegung einbeziehe.

 

Das wichtigste Anliegen seiner Lehre sei die Erlangung menschlicher „Reife“,welche sich in der Fähigkeit zu „spontanem Handeln“ zeige.

„Spontane Handlung“ sei wahrscheinlich das bedeutendste Konzept in seiner Arbeit. Was solle nun nach Feldenkrais darunter verstanden werden.

Als Spontanität bezeichne man oft das ungehemmte Ausleben irgendwelcher Bedürfnisse – hier dagegen heiße es einfach: „Alle Handlung, die nicht zwanghaft ist, ist spontan.“

Ein großer Teil des menschlichen Verhaltens sei von Zwängen regiert, da das meiste Lernen zu einer Zeit stattfinde, in der das Kind von Erwachsenen abhängig sei. Deshalb seien viele typische Verhaltensweisen mit bestimmten Emotionen verbunden, weil das Kind sie lerne im Rahmen von Erfolg oder Versagen, Lob oder Kritik. In diesem Alter der Abhängigkeit suchten die Kinder vor allem die Anerkennung der Erwachsen. So verpflichteten wir uns Dinge zu tun, weil unser emotionales Wohlbefinden davon abhänge und als Resultat werde das erlernte Verhalten verschränkt mit Affekten. Erst wenn wir uns davon wieder befreiten, dass der Affekt mit jeder Situation und Handlung verbunden sei, werde „spontane Handlung“ wieder möglich.

„Reife Erwachsene“ besäßen also die Fähigkeit, ihre Emotionen auf eine Art zu steuern, die dem beabsichtigten Verhalten angemessen sei.

Wo dies nicht gelinge, da käme es nach Feldenkrais zu einander widersprechenden „Überkreuzmotivationen“.

Felix Breuer zitiert nun einen zentralen Beleg (in der deutschen Ausgabe auf Seite 38f):

 

„Am Grunde aller Angst, bei der Erziehung versagt hat, liegt innerer Zwang zum Handeln oder Handlung verhindern. Und Zwang wird empfunden, wenn die Motivation zum Handeln widersprüchlich, das heißt: wenn das Schema, das man gewohnheitsmäßig ausführen würde, als die eigene Sicherheit gefährdend empfunden wird. Das Gefühl der Sicherheit ist verbunden mit dem Selbst-Bild, das während der Abhängigkeits-Periode gebildet worden ist. Manchen haben ihr gutes Aussehen, anderen äußerste Selbstlosigkeit, starke Männlichkeit, das Leitbild vom Übermenschen, äußerste Güte und noch andere imaginäre, nicht verifizierbare Begriffe und Vorstellungen, Denkgewohnheiten und Verhaltensmuster als Mittel gedient, um sich Zuneigung, Bestätigung, Schutz und Fürsorge zu verschaffen. Zwang wird empfunden, wenn irgendeines dieser Mittel Gefahr läuft, ohne Wirkung zu bleiben: Man fühlt sich dann gefährdet und schutzlos preisgegeben.“

 

Eine reife Person habe Kontrolle über die Intensität ihrer Gefühle und nicht umgekehrt, das heißt, es dürfe keine emotionalen Muster geben, die einen zu Handlungen zwängen oder dazu sie zu verhindern, was nun aber nicht heiße, Emotionen durch schiere Willenskraft zu erzwingen. Im Gegenteil: wo immer (Willens-) Anstrengung nötig sei, finde man Überkreuzmotivation. Nur unreife Menschen benötigten Willenskraft, um zu handeln.

Im Unterschied dazu seien mono-motivierte Handlungen nur von einer Motivation regiert, bei der alle parasitären Elemente, welche dazu tendierten sich durch Gewohnheit, Konditionierung und stereotype Bewegung auszuleben, fehlen und bei ihnen sei die Motivation, Erfolg zu haben nicht stärker als die Motivation zu handeln.

 

Breuer hebt nun wesentliche Elemente spontanen Handelns hervor:

 

  1. Spontanes Handeln zeigt sich durch einen effektiven Gebrauch des Selbst. Auch reife Menschen seien eingeschränkt durch ihre Fähigkeiten und die Umwelt, aber eben nicht durch bewusste oder unbewusste emotionale Zwänge. Sie nutzten in einer Situation nur die Elemente ihrer Erfahrung, welche dem gegenwärtigen Moment angemessen seien, seien also nicht behindert durch parasitäre Verhaltensmuster.

  2. Spontanes Handeln fühlt sich leicht an. Die subjektive Erfahrung von Anstrengung komme nicht von der Aufgabe, die vor einem liege, sondern von der Kreuzmotivation, welche das Individuum mit sich selbst kämpfen lasse. Eine Motivation gegen die andere. Jedes Gefühl von Widerstand, physisch, mental oder emotional sei konträr zu spontanem Handeln.

  3. Spontane Handlungen sind frei. Das reife Individuum wähle frei, ob es handle oder nicht. Da die Handlung frei von Emotionen aus früheren Lernprozessen sei, bringe die Wahl das Individuum nicht unter emotionalen Stress. Spontan könne die Handlung nur sein, wenn das Individuum frei sei zu wählen, d. h. wenn die Wahl nicht das heimliche/unbewusste Vermeiden einer der Möglichkeiten sei.

  4. Spontanes Handeln erlaubt die Möglichkeit des Scheiterns. Nur wenn die Möglichkeit des Scheiterns nicht die emotionale Sicherheit des Individuums gefährde, nur dann sei die Handlung frei. Natürlich habe man bei einer Entscheidung den Wunsch nach Erfolg, aber man dürfe sich davon nicht unter Zwang gesetzt fühlen.

  5. Spontane Handlungen sind reversibel. Eine spontane Bewegung sei reversibel, was heiße, man könne sie an jedem Punkt stoppen und umkehren ohne ein wesentliches Mehr an Anstrengung. Aber nicht nur in der Bewegung. Für Feldenkrais sei Reversibilität eine der allerwichtigsten Charakteristika für spontanes Handeln generell, welches er als Ebbe und Flut zwischen dem parasympathischen und dem sympathischen System beschreibt.

  6. Deshalb folgten und führten spontane Handlungen der Ebbe und Flut sympathischer und parasympathischer Dominanz. Handlungsmotive ließen sich grob in zwei Klassen unterteilen: Selbstschutz und Selbstbehauptung oder alles was mit Erholung, Entspannung, Gelassenheit, Zufriedenheit und Ruhe zu tun habe. Reifes Verhalten bedeute ein nie endendes Oszillieren zwischen Selbstschutz und Erholung. Damit das eine System ganz funktionieren könne, müsse das andere ganz gehemmt sein und dieses Pendel müsse vor und zurück schwingen. Ein reifer Mensch könne dieses Fließen führen so wie die Situation es erfordere.

Feldenkrais bleibe aber nicht bei einer abstrakten Beschreibung stehen, sondern er möchte den Menschen neue Erfahrungen ermöglichen durch physische Bewegung. Körper, Geist und Umwelt formten eine unteilbare Einheit. So wie der emotionale Zustand sich im Körper reflektiere, so habe jede Veränderung der Art, wie Menschen sich bewegten einen emotionalen Effekt. Deshalb wolle Feldenkrais die Menschen durch eine Serie von Bewegungen führen, welche neuartige subjektive Erfahrungen ihrer selbst hervorriefen und den Teilnehmern erlaubten, ein intuitives Verständnis der Wechselbeziehung von Bewegung und Emotion zu erwerben.

Die Schüler seien ermutigt, ihr Bewegungsrepertoire zu erforschen und dabei sorgfältig zu beobachten wie sich jede Bewegung anfühle. Bis sie Bewegung schließlich als reversible entdecken würden, die sich so leicht wie möglich anfühle. Das solle nicht mit dem vollen Einsatz aller Kräfte geschehen, verbissen und ehrgeizig, sondern leicht und spielerisch. Zwanghafter Widerstand werde überflüssig, Überkreuzmotivation lösten sich auf. Mache man diese Erfahrung öfter, dann falle es auch bei anderen Überkreuzmotivationen leichter diese aufzulösen.

„So kann der Einzelne lernen spontan zu handeln durch sorgfältige und aktive Selbstbeobachtung ebenso wie durch eine neugierig-offene und spielerische Einstellung zum Lernen.“

Nach dieser ausführlichen Wiedergabe der Feldenkrais-Methode wendet sich Breuer Laozis Wuwei zu:

Was heißt Wuwei, ein Wort, das an vielen Stellen des Daodejing auftaucht. Meist werde es übersetzt als „Nicht-tun“. Neben dieser eher negativen Mahnung, vorsichtig zu sein, nicht zu tun, gebe es aber auch die positive Empfehlung „Tun Nicht-tun“ oder „Handle durch Nicht-Handeln.“

Dieses „Nicht-tun“ sei aber dasselbe wie Feldenkrais „Spontane Handlung“. Während ein Tun, welches dagegen anempfohlen werde, zwanghaftes Handeln sei. Es klinge paradox, wenn es heiße, durch „Nicht-tun“ erreiche man alles, während „Tun“ sich gegen den Handelnden richte. Dieses Paradox löse sich aber auf, wenn man „Nicht-tun“ durch Feldenkrais „Spontanes Handeln“ und „Tun“ durch „Zwanghaftes Handeln“ ersetze.

Wie begründet er dies?

An vielen Stellen des Daodejing werde die Art der Handlung mit der emotionalen Einstellung des Handelnden in Beziehung gebracht. So sei Wettbewerb eine schädliche Motivation: L 68: The big winner does not compete (wer gut als Ritter, ist nicht streitbar. Übersetzung Günther Debon) oder: L81:Good people are not contentious; contentious people are not good. (Wer gut ist, disputiert nicht, wer disputiert ist nicht gut.)

Das Daodejing bringe Konkurrenz/Wettbewerb in Verbindung mit der Einstellung des Handelnden zum Erfolg: Der Wunsch zu gewinnen dürfe nicht zu groß sein und das Festhalten an den Objekten der Begierde, auch am Leben selbst muss ein leichtes sein: „Eben weil er (der Weise) nicht streitet, darum vermag niemand im Reich mit ihm zu streiten.(L22)

Was immer man gewinne, das habe man verloren, was immer man verliere, man habe gewonnen, so zitiert er weitere paradoxe Aussagen aus dem Daodejing. Große Macht, die aber nicht an der Macht klebe, das sei wirkliche Macht, während der geringeren Macht, die aber an der Macht klebe, es in Wirklichkeit an Macht mangele. Weise handelten, ohne daraus einen Anspruch abzuleiten. Das Ideal sei es zu schaffen, zu nähren, seine Last zu tragen, aber nicht zu besitzen, ja allgemein seine Arbeit zu tun und sie loszulassen, denn loslassen sei das, was es bestehen lässt.

Weise Menschen, die ihr Selbst hinter sich ließen, würden sich vorwärts bewegen, und indem sie ihr Selbst beiseite stellten, blieben sie zentriert. Es sind solche paradoxen Sätze, welche Breuer versucht durch Feldenkrais näher zu bestimmen. Denn dieses „Selbst“, das man hinter sich lassen könne, sei genau das zwanghaft emotionale Anhaften an den Ergebnissen unserer Handlungen, welches nach Feldenkrais dem reifen Verhalten im Wege stehe. Wann immer wir etwas „versuchen“ würden, etwas „einfordern“ oder „behaupten“, da sei immer das Ziel wichtiger für uns als die Handlung. Wir fühlten uns zum Erfolg verpflichtet und fürchteten uns vor dem Versagen. Wohingegen der Weise oder reife Erwachsene auch in Wettbewerb treten könne, aber er sei nicht dem Wettbewerb untertan, weil er verlieren könne wie auch gewinnen ohne davon abhängig zu sein. Von Lob oder Tadel abhängig zu sein bedeute für Laozi ein Leben in Furcht zu führen. Wer das tiefe Einssein erreiche, der könne nicht mehr kontrolliert werden durch Liebe oder Ablehnung, durch Gewinn oder Verlust. So hätten die Früchte unserer Handlungen die Macht, uns zu kontrollieren, solange wir abhängig seien von Zustimmung oder Ablehnung.

Breuer betont, dass weder Feldenkrais noch Laozi sich gegen Emotionen aussprechen würden, sondern nur warnen, sich ihnen untertan zu fühlen. Der reife Mensch hat Gefühle, aber er fühlt sich, was seine Entscheidungen betrifft, nicht seinen Gefühlen unterworfen.

Versuchen, einfordern, anhaften lässt sich am besten ausdrücken durch das Wort „wollen“, weshalb Laozi explizit davor warnt und die Vorzüge des „Nicht-Wollens“ betont. Breuer zitiert dazu den schönen Satz: The unwanting soul sees what´s hidden, and the ever-wanting soul sees only what it wants.(L1) (Die nichts-wollende Seele sieht das Verborgene, die immer-wollende Seele sieht nur was sie will oder „Wer ewig ohne Begehren, wird das Geheimste schaun; wer ewig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum.“ Debon)

Hier sieht Breuer einen Unterschied zwischen Feldenkrais und Laozi, da Feldenkrais sich nicht so ausschließlich gegen das Wollen ausspreche, sondern nur gegen zwanghaftes Wollen. Allerdings sei dieser Widerspruch zu lösen, indem man dem reifen Individuum ein Wollen gestatte, das aber niemals eine zwanghafte Qualität annehme.

Für dieses Verhalten des Weisen gibt Laozi Gründe. Ihr Handeln gründet sich seiner Meinung nach nicht in irgendwelchen göttlichen oder moralischen Imperativen, sondern ergibt sich aus ganz pragmatischen Erwägungen: „Nicht-tun“ ist effektiver. Sie gewinnen, ohne zu konkurrieren, sie erreichen ihre Ziele, ohne Rechte geltend zu machen, sie tun, ohne zu tun und erreichen so alles. Handelten sie anders, führte dies zu einem Desaster. Das Gegenteil würde erreicht. In dieser Hinsicht seien Laozi und Feldenkrais gleich: Für Feldenkrais sei das spontane Handeln die effektivste Art, sich zu nutzen während die besten Absichten, zwanghaft ausgeführt, entgegengesetzte Resultate zeitigen würden.

Allerdings zielen beide Autoren über einen effektiven Gebrauch des Selbst hinaus. Feldenkrais Ziel sei generell ein reifes Verhalten, während Laozi von der Kraft spreche, die man erreiche, indem man dem Tao folge. So erreiche die weise Seele, ohne große Taten zu vollbringen, Größe und ihr gelängen große Dinge, ohne je mit großen Dingen zu handeln, denn es sei eine geheimnisvolle Kraft zu haben ohne zu besitzen, zu tun ohne darauf zu bestehen und zu führen ohne zu kontrollieren.

Weiter würden sowohl Laozi als auch Feldenkrais beobachten, dass Leichtigkeit eine charakteristische Eigenschaft des „Nicht-Tuns“ wie auch des „spontanen Handelns“ seien. Der Weg des Himmels sei ein Handeln in vollkommener Leichtigkeit.

Leichtigkeit bedeute allerdings nicht, dass uns die Dinge ganz einfach zufallen würden oder dass man alles leicht nehmen sollte. Laozi warne davor , die Dinge zu leicht zu nehmen, denn dies mache sie wertlos und sie zu locker anzugehen, mache sie hart. Der Weise, indem er das Leichte als Schweres nimmt, findet nichts schwer. Die charakteristische Leichtigkeit des „Nicht-Tuns“ beziehe sich auf die subjektive Qualität des „Nicht-Tuns“.Zur Verdeutlichung benutzt Laozi Bilder:

„Das Allerweichste der Welt holt im Rennen das Allerhärteste ein.“ (L43) oder das berühmte:

„Nichts auf Erden ist so weich und schwach wie das Wasser. Dennoch, im Angriff auf das Feste und Starke wird es durch nichts besiegt: Das Nicht-Sein macht ihm dies leicht. Schwaches besiegt das Starke; Weiches besiegt das Harte.“(L78)

Wasser trete mit niemandem in Wettstreit und nütze doch allen. (L8)

Ein anderes Bild sei das des Kindes, welches schwache Muskeln und weiche Knochen habe, aber einen starken Griff. Auch Feldenkrais benutze das Kind als metaphorisches Ideal, handle es doch noch ohne Überkreuzmotivation oder Zwanghaftigkeit. Allerdings dürfe man dieses Ideal nicht überstrapazieren, weil das Kind noch sehr wenig könne.

„Wird ein Wesen fest, so wird es alt“ (L55) und Feldenkrais schlage vor, die Fähigkeiten von Erwachsenen zu erwerben mit der mono-motivierten Einheit eines Kindes.

Eine letzte Gemeinsamkeit sieht Breuer im zyklischen Denken bei Laozi und Feldenkrais.

Leben und Tod, Wachstum und Niedergang, Stärke und Schwäche lösten sich bei Laozi in ewigen Zyklen einander bedingend ab. Das Dao wird regiert von Zyklen. Diese subjektive Qualität des Dao gleicht für Breuer frappierend den Eigenschaften der spontanen Handlung mit ihrer Ebbe und Flut von sympathischem und parasympathischem System, von Selbstbehauptung und Loslassen, von Yin und Yang.

Es geht bei Laozi also nicht um vollkommene Passivität beim „Nicht-tun“, sondern um eine Balance zwischen Selbstbehauptung und Lösung, welche keinen Zwängen unterworfen ist. Das seien die am schwierigsten zu erkennenden Überkreuzmotivationen, schreibe Feldenkrais, jene der Selbstbehauptung, die gemischt seien mit denen der Lösung/Erholung. Feldenkrais sehe darin auf der sozialen Ebene den schon immer ungelösten Konflikt zwischen der Gesellschaft und dem Individuum, wofür es keine absolute Lösung gebe. Stattdessen müsse man das Problem von einem fundamental anderen Gesichtspunkt angehen: Das Konzept der „spontanen Handlung“ sei ein Mittel, eine Dynamik der immer wechselnden Balance zwischen den beiden Polen zu verwirklichen.

Dieser fundamentale Perspektivenwechsel hat für Breuer auch eine mystische Qualität.

Was hindert Menschen am „Nicht-tun“ oder „spontaner Handlung“. Für Laozi wie für Feldenkrais spielen Erziehung und Moralsysteme eine große Rolle. Währen Laozi sich oft in paradoxen Sentenzen äußere, suche Feldenkrais eher rationale Erklärungen. So sei die Verschmelzung von Handlung und Emotion bei menschlichen Lernprozessen unvermeidbar, allerdings würden sie verschlimmert durch Erziehung, Anerkennung oder Ausschluss von Heranwachsenden und vor allem durch sog. absolute Imperative für Verhalten. Das Vermeiden von absoluten Aussagen zeige sich auch im Skeptizismus den Feldenkrais wie Laozi gegenüber der Sprache hegten. Deshalb drücke sich Laozi in rätselhaften und paradoxen Formulierungen aus, während Feldenkrais durchaus versuche, rationale Erklärungen zu liefern, sich dabei aber immer bewusst sei, dass diese ohne neue individuelle Erfahrungen nutzlos blieben, weshalb er seine „Körper-Übungen“ entwickelt habe, um eben diese Erfahrungen zu ermöglichen. Der Daoismus war immer mit Körperpraktiken verbunden und ist es heute noch und die Weisen, den Körper zu benutzen, zeigen deutliche Ähnlichkeiten.

Ein Hauptunterschied liegt in der Art des Unterrichts: Wo Feldenkrais zu spielerischem Experimentieren ermutigt und Korrekturen seitens des Lehrers als kontraproduktiv sieht, spielt Wiederholung in der daoistischen Tradition eine Hauptrolle wie auch der Schüler immer auf die Korrektur durch den Lehrer angewiesen bleibt.

Feldenkrais wie Laozi benutzen Körper, Sprache und Lernen um das der subjektiven Erfahrung inhärent Mystische (Unaussprechliche) zu kommunizieren. Laozi geht dabei einen Schritt weiter, indem er von tiefer Einheit, dem Einen, dem Namenlosen spricht. Für Breuer gibt es im Herzen des Daodejing ein tiefes Geheimnis, auf dem die gesamte Bedeutung letztlich beruht. Wie soll man die Arbeit von Feldenkrais, die in der empirischen Welt der manifesten Dinge gründet mit einem so durch und durch mystischen Text vergleichen?

 

Breuer sieht auch bei Feldenkrais die Bedeutung eines Bildes von Einheit/Vereinigung, obwohl von einem vollkommen empirischen Standpunkt her kommend: Geist, Körper, Umgebung bedingen sich wechselseitig. Eins zu ändern, ändere alles. Breuer schreibt: „Dieses logische Argument liefert eine wichtige Einsicht, aber es adressiert nicht die offenbarende Erfahrung, welche die Welt verändert und welche der Gegenstand des Geheimnisses ist.“(S. 19)

Feldenkrais vermeide es, über Geheimnisse zu schreiben gerade aus dem Grunde, weil man darüber nicht schreiben könne. Und doch tauche es auf als „Reife“, wenn er z. B.

einen Mann beschreibe, der von einer Operation genesen sei: „Man sieht ein, wie unbedeutend man ist innerhalb der Welt als eines Ganzen, und von welch einmaliger und überragender Bedeutung für sich selbst und für die, welche von einem abhängig sind. Kurz, Reife mag plötzlich über einen kommen, und man steht dann auf als ein neuer Mensch.“ (Das starke Selbst, S. 204) Und bemerkenswerterweise würde Feldenkrais diese Erfahrung dann in Begriffen seiner Theorie der spontanen Handlung beschreiben: „Wenn wir einsehen, wie unbedeutend wir sind und wie unwichtig alles ist, was wir denken, tun oder nicht tun können, dann finden wir uns im vollen Besitz unserer selbst bis zur potentiellen Grenze dessen, was wir vermögen. Diese Art labiles Gleichgewicht, das man in jeder Handlung verlässt und für die nächste wiederherstellt, ist das Wesen menschlicher Reife.“(Das starke Selbst 274f.)

 

Wuwei bedeutet spontane Handlung. Dies ist das Fazit von Breuers vergleichender Lektüre des Laozi und von Feldenkrais. Lese man mit dieser Interpretation im Kopf die beiden Texte, so zeigten sich überzeugende Ähnlichkeiten. Der Ertrag dieser gemeinsamen Interpretation liege darin, dass sie neues Licht auf jeden der Texte werfe. So würden viele der Paradoxien und Geheimnisse des Wuwei, interpretiere man sie als spontane Handlung, plötzlich klar. Feldenkrais Verdienst sei es, sich auf die subjektive Erfahrung spontanen Handelns zu beziehen und doch wissenschaftliche Erklärungen und empirische Experimente zu liefern. Dabei verdränge er nicht die subjektive und irgendwie auch geheimnisvolle Qualität seiner Art des Handelns zugunsten abstrakter Interpretation. Vielmehr mache er sie durchsichtig durch beides: abstrakte Argumentation und spielerisches Experimentieren. Benutze man seine Arbeit, so würden das Daodejing auch einer rationalen Sicht zugänglich, ohne etwas von seiner Magie und seinen Wundern zu verlieren.

Aber dieser Vergleich fordere auch Feldenkrais Theorie heraus. Denn obwohl Feldenkrais große Sorgfalt darauf verwende, sich von Mystizismus, wie er Laozi erfreue, fernzuhalten, so zwinge ihn die daoistische Perspektive doch, die mystischen und philosophischen Aspekte spontanen Handelns ausführlich zu erklären: Was heißt es, zu wollen ohne Zwanghaftigkeit, bei allen Handlungen die Möglichkeit des Scheiterns zu akzeptieren? Was ist das instabile Gleichgewicht zwischen Selbst-Behauptung und Loslassen, Individualismus und Kollektivismus? „Spontanes Handeln“ liefere klare Antworten auf diese Fragen auf der kleinen Skala körperlicher Bewegungen und alltäglichen Verhaltens. Laozi frage aber, wie passen diese Ideen, wie fühlen sie sich an im großen Maßstab des Lebens selbst und er verbindet sie mit der sozialen und politischen Gemeinschaft. Feldenkrais legt nahe, dass „spontanes Handeln“ auch auf diesen Ebenen Antworten bereit hält, aber die Herausforderung sei es, diese ebenso klar, einfach und zugänglich zu machen, wie jene auf der mikroskopischen Skala.

Und Breuer beschließt: „Das westliche intellektuelle Streben nach Beobachtung, Analyse, Abstraktion und Experiment hat zu großartigem technologischen Fortschritt geführt. Gleichwohl hat die Wissenschaft darin versagt, bedeutsame Einsichten im Bereich der subjektiven Erfahrung zu liefern. Dies bleibt das Gelände von Sport, Kunst, Religion, Liebe und schlussendlich dem Leben. Feldenkrais´Ideen zeigen, wie jede/er Einzelne neue subjektive Erfahrungen machen kann durch >wissenschaftliche< Erforschung: durch Beobachtung beider Bereiche mit spielerischer Neugier." (Breuer S. 21)

 

 

Montag, 10. Juni 2013

 

Wie erreicht man gutes Stehen?

 

 

Jedesmal , wenn wir absichtlich kontrollierbare Muskeln und Gelenke merken und ihren Gebrauch verbessern, werden wir fähig, Handlungen, die uns bis dahin gar nicht zu Bewußtsein gekommen sind, beliebig auszuschalten; der Körper wird dann länger, die Haltung richtet sich aus, die Gelenke, die Wirbelsäule, der Kopf organisieren sich in Richtung der idealen Konfiguration. Der Körper fühlt sich leichter und leichter, und schließlich hat man das Gefühl zu schweben.

Die optimale Stehstellung erhält sich nicht, indem man etwas Bestimmtes tut, sondern indem man buchstäblich nichts tut, d.h. indem alle Handlungen absichtlichen Ursprungs ausschaltet, die aus anderen Motivationen stammen als der des Stehens, welche im Lauf der Zeit automatisch geworden und jetzt ein Bestandteil der persönlichen Haltung und Handlung des Stehens sind."

(Feldenkrais, Das Starke Selbst S. 166)

 

Aber Vorsicht mit dem "Schweben". Feldenkrais merkt in anderem Zusammenhang einmal an:

"Menschen, bei denen Abhängigkeit größere, stärkere Gefühlsstörungen verursacht hat, haben oft insgeheim ein nagendes Gefühl drohenden Unheils, von Schuld und Sühne, von verdienter Strafe, die auf sie zukommt. Dann neigen sie dazu, einfachen Dingen mystische Kräfte zuzuschreiben. Sie mögen, dem Yogi ähnlich, dieser Stellung besondere Kräfte zuschreiben, weil sie in ihr zum ersten Mal ein Wohlgefühl empfinden, wie man es normalerweise empfindet, wenn keine widersprüchlichen Motivationen am Werk sind. An der Stellung hier ist nichts besonderes; sie ist ein geeignetes Mittel, um gewisse, ganz gewöhnlich Vorgänge kennen und steuern zu lernen." (Das Starke Selbst, S. 190) 

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